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Verlag Angelika Hörnig

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Wo ist der Unterschied zwischen Kyudo, dem Sportbogenschießen und dem Traditionellen Bogenschießen?

Na ja, eigentlich könnte man darüber Seiten füllen. Ich versuch es mal ganz kurz:

Der Begriff "Traditionelles Bogenschießen" ist in Deutschland hauptsächlich deshalb entstanden, weil es bis in die 80er Jahre fast nur das Sportbogenschießen gab, wie man es von der Olympiade kennt, nach dem FITA-Reglement, und mit Bögen, die immer technischer wurden. Wer mit einem einfachen Langbogen oder sogar selbstgeschnitzen Holzbogen unterwegs war, wer vielleicht ein wenig romantisch angehaucht war, sich ein Bisschen wie Robin Hood fühlte, der galt als harmloser Spinner und wurde erst mal belächelt, denn beim "richtigen“ Bogenschießen, da geht es natürlich um Leistung, Punkte, Präzision mit allen denkbaren Hilfsmitteln. Von daher ist der Begriff eigentlich erstmal nur eine Abgrenzung, und keine genaue Beschreibung, zumal es in Deutschland ja nie eine wirkliche Bogentradition gegeben hat, zumindest ist nichts davon auf uns überliefert (tradiert) worden.

Auch auf den "traditionellen" Turnieren wird heute zwar um Punkte geschossen, und viele Schützen suchen auch hier wiederum ihren Vorteil mit immer besseren, modernen Bogen und Pfeilen, die aber immer noch ohne technische Hilfsmittel, also "traditionell" geschossen werden. Aber es gibt eben auch die Leute, die sich für das Historische interessieren, oder einfach nur Spaß daran haben, mit dem selbstgebauten Bogen durch den Wald zu ziehen.

Was an dem heutigen Bogenschießen also als traditionell anzusehen ist, darüber streiten sich die Geister, da gibt es mindestens so viele Meinungen wie Schützen. Es ist meiner Meinung nach aber nicht der Holzbogen, der einen zu einem Traditionellen macht (siehe dazu das Editorial in der Ausgabe Nr. 45 von "Traditionell Bogenschießen"), dazu gehört auch ein wenig historisches Bewusstsein.

Aber der einfache Bogen hat seine Faszination, und darum auch seinen großen Zulauf gerade auch bei Freizeit- Spaß- und Familienschützen, weil er in der Handhabung unkompliziert und irgendwie romantisch ist. Traditionelles Bogenschießen im weitesten Sinne bedeutet eben genau dies, dass es einfach ist, ohne technischen Schnickschnack, und dass das Vergnügen daran noch vor dem Ehrgeiz steht.

Das Kyudo hat diese kontinuierliche Tradition, die in anderen Bogenkulturen leider meistens abgebrochen und vergessen wurde. Es hat sich im Laufe der Überlieferung natürlich auch verändert, auch werden hier ganz selbstverständlich auch moderne Materialien eingesetzt, dennoch ist es in meinen Augen um vieles traditioneller als das, was wir hier in Deutschland an "Traditionellem Bogenschießen" haben.

Der vielleicht auffälligste Unterschied zum Kyudo: die europäische Bogenszene ist heute extrem vielseitig und vielschichtig, es gibt die unterschiedlichsten Bogen, und ganz verschiedene Arten des Bogenschießen, verschiedene Zielscheiben, Schießen in der Halle und in der Natur, Bogenschießen im Zusammenhang mit Mittelalter- oder Indianerhobby oder Fantasy-Spielen, und viele Varianten mehr.

Heute unterscheiden sich die Bogenschützen wohl weniger darin, welchen Bogen sie schießen, sondern wo und auf welche Art sie das tun: Kyudo, olympisches FITA, Feld- und Jagd, Reiterbogen, Mittelalter etc. Auch in Psycho-, Physio- und Sozialtherapie wird das Bogenschießen verstärkt eingesetzt, aber auch da meistens eher „traditionell“, also ohne aufwändigen technischen Aufrüstung, denn so wird das Bogenschießen unmittelbarer wahrgenommen. Und das macht ja gerade seinen Reiz aus, oder?

VA